Warum es sich lohnt um 5 Uhr aufzustehenUm 5 Uhr aufstehen? Und das freiwillig? Niemals, würden einige sagen. Es lohnt sich, setze ich dagegen. Motiviert zu diesem Vorhaben hat mich ein Artikel im myMONK Blog, an dem ich vor etwa 3 Wochen hängen geblieben bin. „5 Gründe, um 5 Uhr morgens aufzustehen (und wie Du das schaffst)“ gaben mir ausreichend Futter für die Neugier und den inneren Schweinehund, so dass ich kurz darauf das erste Mal bewusst um 5 Uhr aufstand. Und es war einfach nur atemberaubend schön, dass ich seither nicht müde werde diesen Moment auf´s Neue erleben zu wollen.

Es ist diese eine Stunde,bevor der Tag offiziell aufwacht, bevor es laut und geschäftig wird, bevor wir wieder mitten ins Geschehen tauchen. Um 5 Uhr aufstehen ist wie kurz die Luft anhalten, bevor man einen tiefen Atemzug nimmt. Es ist wie das Sprungbrett unter den Füßen spüren, bevor man vom 3-Meterturm springt. Oder wie jemanden tief in die Augen gucken, bevor man ihn das erste Mal küsst. Eben ein intensiver Moment, den man nur spüren kann, wenn man innehält.

Frühaufsteher im Bergischen LandDas erste Mal um 5 Uhr raus

Das erste Mal um 5 Uhr aufzustehen hab ich auf dem Land an einem Wochenende geschafft. Es war eine dieser heißen Tage im Juli, an denen der Morgen noch die angenehmste Zeit des Tages ist. Den Wecker weit weg vom Bett entfernt, so dass ich mich definitiv erheben muss um ihn abzustellen, stehe ich ohne viel nachzudenken einfach auf, zieh mir etwas über, brüh mir einen Tee auf und geh raus. Barfuß über die vom Tau befeuchtete Wiese, raus auf´s Feld von wo aus ich die Sonne aufgehen sehen kann. Es ist erstaunlich hell, bereits jetzt, ohne dass die Sonne scheint. Mutterseelenallein stehe ich dort, auf dem Feldweg, zwischen goldenen Kornfeldern und satten Wiesen, höre nichts weiter als das trällern einer Amsel und meinen eigenen Pulsschlag. In der Ferne kündigt sie sich schon an, die Sonne, mit einem Topf warmer Farbe aus Gelb- und Rottönen im Gepäck. Um etwa halb sechs färbt der Horizont sich langsam ein, das kühle Grün der Wiesen bekommt etwas Wärme, als ob jemand dieses Bild grafisch bearbeiten würde. Als die Sonne sich dann das erste Mal zaghaft zeigt, erschrecke ich fast, so anders hab ich sie erwartet. Nicht strahlend weiß, sondern leuchtend rot wie ein glühender Feuerball ist sie. Fast bedrohlich wirkt sie aus der Wärme, spendet aber bereits jetzt, wo sie nur einen Bruchteil von sich zeigt, Wärme und Energie. Es ist ein besonderer Moment in dem ich begreife, dass die Sonne, ohne dass wir Mensch sie darum bitten, uns jeden Tag aufs Neues Licht, Wärme und somit Leben spendet. Es mag für viele ein selbstverständliches Geschehen sein. Doch wenn man das so sitzt und der Sonne für einen Moment bewusst Aufmerksamkeit schenkt, fängt man an zu begreifen, dass das was selbstverständlich scheint, nie einem selbst gehören daher. Daher sollte man es mit Respekt behandeln und schützen, wie jedes Stück Natur, dass uns wie selbstverständlich umgibt.

Frühaufsteher in KölnDie Stadt schläft nie

In der Stadt gestaltet sich mein Vorhaben weitaus schwieriger, oder besser gesagt anders. Den Tag dabei zu beobachten wie er erwacht ist hier nahezu unmöglich, da die Stadt nie schläft. Selbst um kurz nach fünf ist die Stadt bereits (oder immer noch?) hell. Laternen beleuchten die Strassen, Leuchtreklame die Geschäfte. Und es ist laut. Kein Flüstermoment, kein Gruselgefühl, stattdessen Verkehrsrauschen und geschäftige Menschen. Die Energie der Sonne wird in der Stadt künstlich erzeugt: Lampen spenden Licht, Kaffee weckt auf. Die Stadt hat ihre ganz eigene Dynamik, unabhängig von Tag und Nacht, von Sonne und Mond, von hell und dunkel. Der Job bestimmt die Zeit, der Lärm den Rhythmus. Hier uns da wuselt um die Uhrzeit schon der ein oder andere Mensch durch die Strassen. Die meisten von ihnen gehen ihren Geschäften nach, ob der Busfahrer auf dem Weg in die Innenstadt, die Postfrau und der FedEx-Mann, der junge Angestellte im Gemüseladen, die Mutter und ihr schreiendes Kind oder jemand der jetzt schon laut Fernsehen guckt. Soviel passiert zwischen 5.30 und 6 Uhr, dass ich mich fragen ob es jemals ein Nacht dazwischen gegeben hat.

Frühaufsteher im Bergischen LandBesondere Momente in der Natur

Nach der Erfahrung in der Stadt, beeindruckt mich das frühe aufstehen noch am Meisten auf dem Land. Hier merkt man einfach, dass man ein Teil dessen ist. Man verbindet sich. Dem natürlichen Rhythmus folgend, braucht man nichts weiter tun als die Natur auf sich wirken zu lassen. Um 5 Uhr morgens ist hier tatsächlich alles noch still. Und es ist düster. Leicht mulmig wird mir, als ich im Bergischen Land um die frühe Uhrzeit einen Waldweg entlang schleiche. Ich spüre, dass ein großer Teil um mich herum noch schläft (Menschen), ein anderer Teil wiederum schon wach ist (Tiere). Auf einer Lichtung entdecke ich drei Rehe ganz friedlich grasen. Als wir uns gegenseitig entdecken sind wir gleichermaßen erschrocken und erstarren für einen Moment. Kurz darauf sprintet die Gruppe zum Schutz in den angrenzenden Wald, aus dem ich danach nur rascheln und knacken vernehme. Hier rechnet eben kein Tier damit, dass ein Mensch ihn stört. Was ich auch nicht vorhabe, gerade wenn ich an Wildschweine denke. Mitten auf einer offen zugänglichen Wiese, finde ich am Rand einen Platz mit direktem Blick Richtung Sonne. Ganz still beobachte ich die Natur und lausche meiner Umgebung. Ich erinnere mich an ähnliche Momente auf dem Jakobsweg, bei dem wir oft noch vor dem Sonnenaufgang aufgebrochen sind. Ähnlich friedlich und klar ist es hier auf dem Land. In der Ferne erkenne ich etwas Pelziges, dass sich bei genauem Hingucken als Fuchs herausstellt. Neugierig hüpft er über die Wiese, von Kaninchenbau zu Mäuseloch. Der Sonnenaufgang ist so beeindruckend, dass mir dabei nicht nur der Atem stockt, sondern auch die Tränen kommen. Diesen Moment kann man gar nicht mit Worten oder einer Kamera einfangen. Man muss ihn erleben.

Frühaufsteher im Bergischen LandMeine Motivation

Warum mache ich das eigentlich? Um bewusster in den Tag zu starten? Um mehr Zeit zu haben? Um Ruhe zu finden? Von allem bestimmt ein wenig, aber nicht nur aus einem Grund. Die Neugierde darüber was ich Unvorhergesehenes erleben werde und wie sich meine Lebensweise verändern kann, reizt mich genug um in den frühen Morgenstunden aufzustehen. Jeden Morgen ist es so als würde ich ein neues Geheimnis lüften: Was erwartet mich heute? Gucke ich den Sonnenaufgang? Oder beobachte ich die Händler beim Marktaufbau? Ich mag Experimente im Alltag. Das fühlt sich dann oft wie Urlaub an. Wir schaffen es meist besser in unserer freien Zeit an anderen Orten Gewohnheiten zu verändern und neue Dinge zu tun. Unsere Tagesrhythmus ist anders, wir haben Energie für besondere Sportarten und essen landestypische Kost zum ersten Mal. Warum nicht auch in den heimischen Gefilden? Ich finde das Leben viel zu spannend, als dass ich es immer gleich führen möchte. Um 5 Uhr aufstehen kann eine dieser neuen Erfahrungen über das Leben und sich selbst sein.

Frühaufsteher in KölnTipps zum nachmachen

Eigentlich ist es ganz einfach: nicht zu viel grübeln, einfach machen, ausprobieren und dann bewerten. Wer im Vorfeld die ganze Sache bereits anzweifelt und den Sinn nicht versteht, sollte es sich etwas Zeit geben, oder es lassen. Der Sinn erschließt sich, wie bei sehr vielen Dingen, erst dann wenn man es macht. Ja, ich kann sagen, das frühe aufstehen kann zu mehr Konzentration führen, verschafft einem mehr Zeit für den Tag und beschert mit Sicherheit ganz besondere Momente, aber welchen Schluss man daraus zieht ist jedem selbst überlassen. Ich persönlich hab zum Beispiel festgestellt, dass ich nicht jeden Tag um 5 Uhr aufstehen kann und möchte, nur dann wenn ich mindestens 6 Stunden Schlaf bekomme und beruflich nichts sehr wichtiges ansteht. Der Kreislauf dankt es einem, wenn man den Tag langsam angeht. Also nicht direkt um 6 Uhr am Rechner sitzen und Todos wegarbeiten, sondern zum Beispiel eine Runde spazieren gehen, den Sonnenaufgang in aller Ruhe gucken, ausgiebig Yoga machen, gemütlich frühstücken und Zeitung lesen. Danach ist es immer noch früh genug um zu arbeiten. Nicht gut vertragen in der Frühaufsteherzeit habe ich Koffein. Sobald ich eine Tasse Kaffee getrunken habe, schoss der Puls hoch und der Kreislauf schummerte. Daher bin ich jetzt auf koffeinfreien Kaffee umgestiegen, der genauso gut schmeckt wie „richtiger“ Kaffee, oder grüne Smoothies mit einem Schuss natürlicher Energie.

Köln erwacht - bewusst wandern in den frühen MorgenstundenLust bekommen auf 5 Uhr aufstehen?

Dann nichts wie raus! Und am Besten noch im August wenn die Tage versprechen sonnig zu werden und die Sonne noch vor 6 Uhr aufgeht. Eine schöne Gelegenheit für Neulinge oder Wiederholungstäter bietet die Wanderung „Köln erwacht – bewusst wandern in den frühen Morgenstunden“, die ich zusammen mit Marcel Hövelmann von Urban Grün veranstalte. Im Rahmen des ökoRAUSCH Festivals, wollen wir Köln mit anderen Augen und Sinnen wahrnehmen, in dem wir eine ausgewählte Strecke in Stille wandern.

Thema: Köln erwacht – bewusst wandern in den frühen Morgenstunden
Datum: 4.Oktober 2014
Zeit: 4.50 – 8 Uhr
Treffpunkt: auf dem Neumarkt (Köln)

Kostenlos mitmachen und anmelden:
https://www.facebook.com/events/683154871761360

10 Kommentare
  1. Maria sagte:

    Erinnerungen werden wach. Als die Kinder sehr klein waren, bin ich sehr oft um diese Zeit aufgestanden während sie noch geschlafen haben. Das war MEINE Zeit. Der Tag war noch ruhig und ich habe nur mich gespürt und das Alleinsein genossen. Die klare Morgenluft riecht anders und die Strahlen der aufgehenden Sonne haben eine ganz eigene Farbe.

    Ich liebe die einsamen Morgenstunden.

    Wunderschöner Beitrag, den ich bei mir http://wwwfundstuecke.wordpress.com/2014/08/08/warum-es-sich-lohnt-um-5-uhr-aufzustehen/ rebloggt habe.

    lg
    Maria

    Antworten
    • Daniela Klütsch sagte:

      Vielen Dank liebe Maria für Deine persönlichen Worte!

      Sie zeigen, dass auch Du den Zauber der frühen Morgenstunden erlebt und als besonders in Erinnerung behalten hast. Ich freue mich mit meinem Beitrag, und einem Kommentar wie Deinem, andere Menschen dazu zu motivieren ihr Leben zwischen durch ein Stück bewusster zu leben. Zum Beispiel wenn sie um 5 Uhr aufstehen. :-)

      Liebe Grüße & ein schönes Wochenende
      Danni

      Antworten
  2. Tim sagte:

    Hi Daniela,

    freut mich sehr, dass Dich mein Text ein bisschen neugierig gemacht hat. Deine Frühaufsteher-Fotos sind echt toll, vor allem die drei ganz oben haben’s mir angetan.

    Liebe Grüße und Danke für die Verlinkung!

    Tim

    Antworten
    • Daniela Klütsch sagte:

      Huhu Tim,

      schön, dass Du den Artikel entdeckt hast und Dir die Fotos gefallen! Das Thema hat besonders viel Aufmerksamkeit bekommen und wurde in meinem Umfeld anregend diskutiert. Ein paar konnte ich bereits dazu motivieren, auch mal in der Frühe aufzustehen. :-)

      Ich selber behalte das regelmäßig bei, aber nicht jedem Tag. Wenn, dann ist es immer ein besonderer Tag an dem ich etwas Neues entdecke und einfach nur bewusst „da“ bin.

      Anfang Oktober veranstalte ich mit einem Freunde eine Wanderung durch Köln zu dem Thema. Auf hier bin ich sehr gespannt, wie die Reaktionen sein werden.

      Alles Gute Dir & ich freu mich weiter von Dir zu lesen
      Daniela

      Antworten

Trackbacks & Pingbacks

  1. […] Selbstverständlich! Es gibt nichts beeindruckenderes als Naturspektakel zu beobachten, wie eben auch den Sonnenaufgang. Hab ich auch schön öfter gemacht, ob in Köln oder Holland, und darüber geschrieben warum es sich lohnt um 5 Uhr aufzustehen. […]

  2. […] Vorzüge es hat früher als sonst aufzustehen und warum es sich lohnt, habe ich vor etwa drei Monaten selber ausprobiert und seitdem einige Mal fortgesetzt. Um 5 Uhr […]

  3. […] Blogartikel über einen eigensinnigen Hund. Ein Video über das Projekt Köln 5 Uhr 30, welches mein Vorhaben früh aufzustehen bestärkt hat. Und einen sehr schönen Beitrag der WDR Lokalzeit über unseren Verband (dasselbe […]

  4. […] Es ist der perfekte Moment, die perfekten Wellen und vielleicht sogar die Besten der Saison, wie Surflehrer Stefan später an dem Tag noch mutmaßt. Der Wind ist ablandig, die Wellen dadurch klar und Lines deutlich erkennbar. Vom kühlen Blau färbt der Himmel sich zaghaft in ein warmes Rosa. Riesige Schiffskutter schippern wie auf einer Perlenkette aufgereiht am Horizont entlang. Im Vordergrund surft Jackie mit den Wellen, immer noch ganz allein auf diesem weiten Meer. Die dicke Wolkendecke fängt sich zu heben, als würde die warme gelbe Sonne von unten dagegen drücken. An dieser Stelle, in Raum und Zeit, verabschiedet sich der frühe Morgen und übergibt das Zepter dem Tag. Auch wir verabschieden uns aus diesem Moment, der mal wieder so ganz besonders war, immer dann wenn man vor Sonnenaufgang aufsteht. […]

  5. […] Blogartikel über einen eigensinnigen Hund. Ein Video über das Projekt Köln 5 Uhr 30, welches mein Vorhaben früh aufzustehen bestärkt hat. Und einen sehr schönen Beitrag der WDR Lokalzeit über unseren Verband (dasselbe in […]

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