Wenn die Stimme versagt Wenn die Stimme versagt, dann wird es still. Um einen herum und im Kopf. Gespräche verlieren ihren Sinn, das Telefon bleibt lautlos, Menschen werden gemieden, Bedürfnisse über Zeichen ausgedrückt und die Tage verdammt einsam. Unsere Stimme ist ein Werkzeug, um uns auszudrücken. Das Gesprochene sind hörbare Gedanken. Unsere Sprache befähigt uns dazu, all das auszusprechen, das in unserem Kopf und in unserem Herz sitzt: Bedürfnisse, Emotionen, Wünsche, Anweisungen, Warnungen… Ob wir wirklich gehört werden, liegt im Ohr des  Zuhörers. Und vielleicht auch an Lautstärke und Sinnhaftigkeit des Gesagten. Fest steht: durch unsere Stimme machen wir uns „sichtbar“ und verbinden uns mit anderen Menschen.

Wie es ist, wenn die Stimme versagt, erlebe nun schon seit 5 Tagen. Diagnose: Kehlkopfentzündung (eine häufige Begleiterscheinung bei Erkältung). Anfangs kein einziger Ton, nur ein angestrengtes Flüstern, bis zu einem – mittlerweile – dunklem Krächzen. Dazu die Verordnung des Arztes: „Absolute Stimmschonung, sonst wird es nicht besser!“ Also nicht reden um zu reden. Wie mit einem Klebeband auf dem Mund bewältige ich meinen Alltag, gehe ins Büro, essen zu Mittag und gehe wieder nach Hause. Jegliche Abendveranstaltungen mit Menschen verlieren an Sinn. Oder wer hat Lust sich selbst beim reden zuzuhören, während ein stummer Mensch nickend vor einem sitzt? Die Mittagspause wird alleine verbracht, der Gang zum Supermarkt gemieden, der Kontakt mit Menschen sowieso. Die notwendigsten Ausdrücke notiere ich auf Zetteln, ganz so wie Oskars Großvater in „Extrem laut und unglaublich nah“. Als Gruß reicht oft ein Lächeln, bei Fragen ein Kopfnicken oder –schütteln.

Erstaunlich ist, dass ich bei all der hörbaren Stille dennoch kommuniziere wie eh und je, dank Facebook, Twitter, WhatsApp, SMS, E-Mail, Skype und Co. Und natürlich dank der guten alten Gestik und Mimik, aber nur geringfügig, dauert zu lange. Auch hält meine Stimmlosigkeit mein Umfeld nicht davon ab zu sprechen und, so wie ich, still zu sein. Ich werde, wenn ich auf Menschen treffe, in ein Gespräch integriert, etwas gefragt, angesprochen, zugetextet, angepöbelt, aufgemuntert, unterhalten. Wirklich still um mich herum wird es nie. Nur in meinem Kopf. Das Telefon stelle ich auf lautlos. Mobile Antwort von mir gibt es per SMS oder WhatsApp. Im Büro kommuniziere ich mit meiner Kollegin via Skype, nur lachen und Schnute ziehen, das machen wir analog. Verabredungen für´s Wochenende sage ich ab. Welchen Sinn hat es, sich zu treffen und zu schweigen? Nur Yoga kommt mir in den Sinn, das funktioniert auch in Stille. Macht der Austausch mit Menschen nur wirklich Sinn, wenn man sich mitteilen und einander hören kann? Heißt das umgekehrt solange ich keine Stimme habe bin ich eine Aussätzige?

Mein Stimmlosigkeit wird zu meinem inneren Schweigekloster. Mein Hirn ist leer, weil ich nichts mehr zu sagen habe. Der Kontakt mit Menschen reduziert sich auf ein Minimum. Am Abend bin ich allein mit mir verabredet. Gesellschaft auf Augenhöhe leistet mir Musik, die durch meine Kopfhörer rauscht. Sie ist nicht an einer Antwort interessiert, möchte nur gehört werden. Damit kann ich gut leben, gerne höre ich ihr wortlos zu. Gibt es auch Menschen, die wie Musik sind? Da ich mein Sprechen auf das Nötigste reduzieren soll, überlege ich was wirklich wichtig ist zu sagen. Wenn wir nur ein bestimmtes Kontingent an Stimme hätten, für welchen Anlass würden wir es verwenden? Notrufe, Gespräche mit den Freuden, ein Telefonat mit einem Kunden oder etwas was wir noch nie jemandem gesagt haben? Was ist wirklich wichtig auszusprechen für das es sich lohnt die Stimme zu opfern?

Eins kann ich mit Gewissheit sagen: für das „Tschö“ an der Supermarktkasse lohnt sich nicht. Für ein stummes Lächeln schon.

1 Antwort
  1. Sabine Lydia Müller sagte:

    Liebe Danni, danke für Deine wunderbaren Gedanken zu diesem für uns ja auch beruflich äußerst wichitgen Werkzeug Stimme und danke fürs (Mi-)tteilen ;-) Von Herzen gute Besserung – auf dass Du das Schweigekloster bald wieder verlassen kannst/darfst.

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