Von Martin Herrndorf werde ich nun schon regelmäßig mit diversem Input zum Thema Yoga versorgt. Ob nun mehr „Lust durch Yoga“ durch ein wundersames Mini-Kissen, die Geschichte über „The Banker Who Got Into Yoga“ oder die kürzlich erschienene Ausgabe der ZEIT mit dem Titel „Yoga mit Jesus“. Das kann ich mir natürlich nicht entgehen lassen und möchte wissen was hinter der These „Meditation in der Kirche, Coaching im Kloster, Beten im Internet: In der modernen Gesellschaft basteln sich viele ihre eigene Religion. Darf man das?“ steckt. Mit der ZEIT unterm Arm, starte ich in das christliche Osterwochenende und lese entspannt bei einer Tasse Yogi-Tee.

Wir stecken mitten drin, in einer modernen westlichen Gesellschaft, die sich ihre Religion frei zusammen mixt wie einen bunten Cocktail. Zutaten dafür gibt es reichlich von den bekannten Weltreligionen, über spirituelle Einflüsse wie zum Beispiel Yoga und einer großen Portion eigen konstruierte Weltanschauung. Von jedem etwas, mal mehr, mal weniger, so wie es einem persönlich am Besten schmeckt. „Immer mehr Menschen praktizieren Religion als Patchwork“, so heißt es in der ZEIT. Aber darf man das? Kann man sich „seinen“ Gott wirklich auswählen, oder wird man nicht viel mehr ausgewählt? Dazu gibt es eine Pro und eine Contra Meinung. Denn so pauschal lässt sich diese etwas glitschige Frage nicht wirklich beantworten. Gerade in Anbetracht einer globalen Gesellschaft, die zunehmend miteinander wächst und neue Wege formt.

Ich persönlich sehe das eher modular, wie ein organischer Prozess. Am Anfang, vielleicht ausgelöst durch ein bestimmtes Ereignis oder immer-schon-da-gewesen, machen wir uns auf die Suche. Nach etwas, das Halt gibt, bei dem wir Antwort finden, uns sicher fühlen, ankommen können. Dabei gehen wir viele Wege, von Altbekanntem wie unsere Familie, Freunde, Job, Hobby… und wenn wir dort DAS nicht finden, suchen wir weiter. Oft im Außen, in dem was man nutzen, konsumieren kann. Doch dieser Sinn-Konsum ist schnell aufgebraucht, weil er nur in begrenzter Menge und Zeit verfügbar ist. Und wieder geht die Suche weiter. Wir gucken genauer hin, lesen zwischen den Zeilen. Genau da können sich manchmal Türen etwa zu Religionen und spirituellen Tendenzen öffnen. Wir finden Zugang. Doch den wirklich tieferen Sinn des Ganzen, finden wir letztlich in uns, in bewusster Stille, wenn wir alles andere loslassen. Und dafür, das finde ich das Schöne daran, müssen wir noch nicht einmal weit weg von uns suchen.

Die Zeilen der ZEIT bleiben für mich nicht nur Theorie, sondern leben praktisch auf. Erst letzte Woche am Gründonnerstag machte ich eine sehr schöne Erfahrung in Sachen Glaubensmix in Köln. Dort lud mateno (so schön kann ich mateno gar nicht beschreiben wie sie es selber tun*) wieder einmal zu ihrer Aktion „hellwach – Dechaotisieren und Besinnen“ auf. Einmal pro Woche in der insgesamt 7-wöchigen Fastenzeit fanden dabei abendstündliche Treffen im motoki (gemeinschaftlicher Ort und gleichzeitig Verein für sinnstiftende Projekte) statt, bei denen je sieben wichtige Aspekte des Lebens näher beleuchtet wurden: Konsum, Zeit, Beruf, Engagement, Freundschaft, Weltanschauung und Geschwindigkeit. Zu jedem Thema gab es jedes Mal eine kleine Übung, mit der man sich auf das jeweilige Thema einstimmen konnte (hier kann man sie nachmachen). Eingebettet wurden alle Themen in eine offene Diskussion unter den Gästen. Und bei „Geschwindigkeit“ war ich dabei.

Wenn in uns der Sturm tobt, im Kopf sich das Gedankenrad ununterbrochen dreht, eine Entscheidung die andere jagt und wir uns fast selbst verlieren… so stimmt Dorle Schmidt von mateno den Abend ein und ich musste unmittelbar an die Frage „Wie nachhaltig sind wir eigentlich mit uns selbst?“ denken, die ich mir Anfang des Jahres oft stellte. Wenn es wieder soweit ist, dann sollten wir das Tempo ordentlich drosseln, mehr sein lassen als tun und einfach mal anhalten. An diesem Abend bekommen die Gäste von hellwach dafür, nach entspannter medialer Einstimmung, eine kleine Übung. Das Besondere daran ist, dass sie jeder für sich alleine in besinnlichem Schweigen ausführt. Das gefällt mir! Zusammen schweigen hat etwas unglaublich Verbindendes, finde ich, da man den leeren Raum mit ganz vielen stillen Gedanken füllen kann. So still als könnte man sie fast hören… Bedächtig geht jeder für sich durch die Übung, schreibt Themen auf, die ihn aktuell beschäftigen und findet Ruhe in einer ganz einfachen Übung aus Kindertagen: Papierboote falten. Ich ertappe mein erwachsen gewordenes Hirn dabei, wie es diese simple Übung fast völlig vergessen hat und linse beschämt auf die Anleitung, bis ich ganze vier Boote fein säuberlich gefaltet habe. Jedes Boot wird jetzt mit einem Thema, einem Gedanken, einem Gefühl belegt, das jeder für sich individuell loslassen möchte. Jedes Boot wird (symbolisch) auf einen (Papier)fluss gesetzt und… treibt dahin.

Ich muss schmunzeln, fühle mich bestätigt, vervollständigt, denn ich fühle mich an Yoga erinnert. Loslassen, Gedanken fließen lassen, aussteigen, die Sinne zurück ziehen, gemeinsam schweigen… alles bekannte Methoden, die ich im Yoga seit nun schon 2,5 Jahren nach und nach gelernt habe. Und hier im motoki, in einem ganz anderen Zusammenhang, finde ich sie wieder. Das zeigt doch, dass viele Wege ans Ziel führen, alle Wege aber auf ein und der selben Erdkugel liegen.
So fahre ich mein Tempo runter, wenn es malwieder 180 erreicht hat, indem ich seit jetzt schon 7 Wochen konsequent jeden Morgen (nur mit einmal aussetzen) nach dem Aufstehen eine Tasse Tee trinke und danach 20 Minuten Meditation ausübe. Jetzt würde meine Schwester mich wieder auslachen und als Eso-Tante beschimpfen, aber doch ja: das wirkt! Zwar nicht so, dass man danach aufspringt und wie ein aufgezogenes Spielzeugauto durch die Wohnung flitzt. Eher viel nachhaltiger, den ganzen Tag andauernd, mit klarem Kopf und ruhigem Wesen, bei der Sache.
Oder wenn ich gerade nicht heraus fühlen kann, was wirklich am Wichtigsten ist, schreibe ich es auf, ganz plakativ auf Post-it Zettel und klebe sie an meinen Spiegel, in den ich jeden Tag (mehrmals) gucke. Immer wenn ich einen dieser Vorsätze erreicht habe, schreibe ich einen neuen Zettel. Getreu dem Motto: eins nach dem anderen. Aktuell steht an erster Stelle: Gelassenheit. Ja, das passt. Zeit für was Neues.

Mein Fazit?

Egal welche Religion, Methode, Ansicht wir für uns wählen oder für uns bestimmt ist, am Ende zählt, dass wir alle miteinander verbunden sind und getragen werden. Vom Leben selbst. Wenn wir uns das einfach öfter mal bewusst machen, lösen sich Sorgen, Zweifel, Angst, Wut, Hass, Hochmut, Gier, … (hier ist Platz für das was Dir auf der Seele liegt) wie von alleine auf. Denn wie eine schlaue Yogine so schön (und oft zu mir) sagt: Der Fluss fließt von alleine, Du brauchst ihn gar nicht anschubsen.

* mateno ist ein Zusammenschluss von kreativen Köpfen: Wir denken, träumen und entwickeln Projekte. Wir motivieren und begleiten die Suche nach einem bewussten, nachhaltigen und sinnhaften Lebensstil. Basierend auf unseren Werten Freundschaft, Schönheit, Nachhaltigkeit, Gerechtigkeit und Spiritualität suchen wir Antworten auf die Frage: Wie wollen wir eigentlich leben?

4 Kommentare
  1. Sophia sagte:

    …bei facebook würde ich den „gefällt mir Button klicken. Zum Glück sind wir hier nicht bei facebook und so kann ich es selbst so ausdrücken: Schön, Danni!! Ein wirklich toller Text.

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    • daklue sagte:

      Und ich würde Dich bei facebook jetzt anstupsen. Wie schön, dass ich das auch live tun kann und Dich mit meinen Worten erfreut habe. Schließlich spielst Du als Yogine ja auch eine wichtige Rolle in dem Ganzen. :-)

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  2. Julia sagte:

    Ich frage mich immer, warum unser westlicher Lebensstil so wenig Zeitraum lässt für die persönlichen Verschnaufpausen. Als ich im vergangenen Winter in Indien war, wurde ich sofort rausgezogen aus dieser Hektik und auf den Alltagsrhythmus gezogen, der auf dem Subkontinent um einiges langsamer läuft. Völlig entspannt brachte ich mir ein Buch aus Darjeeling mit dem hübschen Titel „Release your inner Dharma“ mit, welches mich schrittweise mit den Methoden des Buddhismus vertraut machen sollte. Doch wirklich durchgehalten, jeden Morgen die Tagesaufgabe zu lesen und mich ganz darauf zu besinnen, habe ich nur kurz – dann war wieder dieser hektische westliche Alltag im Mittelpunkt, der sich hauptsächlich um Arbeit zentriert.

    Vielleicht sollte ich mir deine Zettel-Methode mal abschauen, um nicht völlig darin unterzugehen ;)

    To put it in a nutshell: Ein sehr schöner Text!

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    • daklue sagte:

      Es ist schon erstaunlich, dass man das Gewohnte verlassen muss, oft durch einen räumlichen Wechsel, um sich selbst zu finden. Denn man selbst bleibt ja immer man selbst. Egal ob Heimatstadt oder fernes Ziel, Alltagstrott oder rein ins Abenteuer. Wir meinen dann immer „anders“ zu sein, wenn wir die äußeren Umstände ändern. Dabei ruhen wir längst in uns, auch wenn draußen der größte Stress tobt. Und die Welt dreht sich ungeachtet davon friedlich weiter.

      Schön finde ich, irgendwann genau das zu entdecken. Wie das Licht, das einem aufgeht, von jetzt auf gleich. Und ja, dafür muss man doch manchmal die gewohnten Raster verlassen um sich für einen Moment aus einer anderen Perspektive sehen zu können. So wie Du in Indien, so wie ich durch das Yoga. Wenn man einmal dieses erleuchteten Moment hatte, sei es auch noch so kurz, weiß man dass es ihn gibt und lässt ihn nicht mehr los. Dabei kann es natürlich passieren, dass das alltägliche Hamsterrad einen wieder einholt und die fernöstliche Methode einschlafen lässt (ich gebe zu, das Wochenende war auch ohne Meditation am morgen, dafür mit mehr Rotwein…), doch dabei sind wir uns bewusst, wie es anders geht, und vorallem, dass wir es können.

      Also, jeder Tag ist ein neuer Anfang. Und die gelben Zettel können durchaus helfen uns das jeden Morgen zu sagen.

      Danke Julia für Deinen Text… er hat mein Gedankenuniversum angeschubst. :-)

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